#4 Vom Mythos des Totschweigens

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Mit leichter Verzögerung hat sie auf die Ausschreibung geantwortet. Es habe Zeit gebraucht, um die Gedanken zu sortieren. Nicht zuletzt, da ihre zweite Tochter soeben eine Miniserie für den ZDF fertig produzieren durfte und der Arbeitstitel eigensinnig andockte. Was damals noch „Wieder Lena“ hieß, findet man heute als „Bauchgefühl“ und Sechsteiler in der Videothek des Senders. Behandelt wird das Narrativ der ungewollt Schwangeren, deren Dilemma zwischen Karriere, Frauenrecht, Abtreibung und Beziehung pendelt. Ein Zeugnis der Gegenwart von dem Christa Hassfurther als zweifache Mutter, Lehrerin, Regisseurin und Gründerin des freien Theaters bodi end sole ein Lied singen kann.

Die Sicherheit, sich nach anfänglichen Zweifeln doch für das damalige Kind zu entscheiden, führt sie unter anderem auch auf ihren Ehemann zurück, der ihr so manches vorlebte, jedoch nie empfahl, was denn nun das Richtige sei. Das Richtige schöpft nämlich auch immer aus subjektiven Perspektiven, klar gebunden an die Entscheidungsgrundlagen der vorherrschenden Paradigmen. Wo Gesellschaft und das eigene Urteilsvermögen ein Spannungsfeld erzeugen können, dem oft nur widerspenstig entgegenzuhalten ist. Diesen Kampfgeist inne tragend, blickt sie versöhnlich zurück. Erkennt den Nährboden der 68er, die Widersprüchlichkeit ihrer eigenen Erziehung im katholischen Mädchenpensionat, benennt persönliche Schwächen, politische Unzulänglichkeiten und wundert sich über das eigene Totschweigen.

Da oben stand ein Ultraschallbild der Zwillinge. Und als dann das Eine weggegangen ist, hab ich das weggeworfen. – Also was tabuisiere ich da drinnen eigentlich?

„Wir glauben alle, wir sind so aufgeklärt. Aber was es wirklich mit unseren Seelen macht, das wissen wir nicht wirklich.“, stellt sie bekennend fest. Wir versuchen gemeinsam Gründe dafür auszuloten, den trainierten Mustern in die Augen zu sehen, das Unerklärliche gelten zu lassen. Würden wir uns für jede Ungewissheit, für jedes Versagen ein Erklärungsmuster zulegen, würden wir jegliche Eigenverantwortung ablegen, kollektiv stillstehen oder ungehindert gegen eine Wand fahren.

Denn Parabeln davon lassen sich in vielen Ecken der heutigen Diskurse wiederfinden. Die Widersprüchlichkeit der menschlichen Selbstverständlichkeiten kennt vielerorts keine Grenzen. Unsere Sucht nach einer heilen Welt spiegelt sich im Konsum, der Selbstdarstellung, in verklärten Darstellungen von Werbung und im Mainstream wieder. Und obwohl wir mitverantwortlich sind, haben wir doch ein Recht auf dieses Glücksversprechen, meint sie. Immer verbunden mit dem Mut, auch dunkle Teilstrecken des Weges anzuerkennen.

Nur wenn wir wirklich da durch gehen, können wir auch wieder raufsteigen und wieder heil werden.

Aber wie soll das gehen? Wie kann ein Emotionsgebäude dieser Zerissenheit überhaupt standhalten? Immerfort funktionieren wollen, das Bauchgefühl auf Stumm schalten, den Ansprüchen brachial gerecht werden? Glück als Dauerzustand – Dunkelheit als Tabu oder reine Privatsache?

Sie knüpft eine Brücke an ein kürzlich entstandenes Projekt mit zwei Künstlerinnen. Entlang des Mythos von Inanna – eine Götterfigur aus der sumerischen Mythologie. Dabei lernen wir, dass die Oberfläche der menschlichen Eitelkeit, Insignien wie Macht, Geltung und Status in der Unterwelt nicht nur belanglos sind, sondern bewusst abgelegt werden müssen, um voranzukommen. Eine altorientalische Vorstellung vom Dualismus zwischen Tod und Wiederkehr. Dass die begrenzte Sichtweite der Gegenwart dabei analogen Trugschlüssen auf den Leim geht, veranschaulichen uns pseudosoziale Netzwerke bereits deutlich.

Auf die Frage nach den Grenzen des Lebens, folgt die nächste Anekdote. Nach einem Konzert ihrer Tochter besuchen Helfried und sie das Familiengrab in Wien, das bald aufgelassen werden sollte. Ein vertrauter Ort der Wiedervereinigung und Erinnerung, der nun einen hohlen Schmerz bereit hält. Ein seltsamer Abschied im Kreise der eigenen Ahnen, lässt einen doch wunderbaren Dialog entstehen: Sie legen das Mobiltelefon auf die Erde, spielen die Aufnahme eines Konzerts von Sophie ab. Ein kaum begründbares Gefühl von Verbindung entsteht. Ratio und Realismus beiseite gelegt, wird es tatsächlich warm ums Herz.

Sie erzählt, dass sie das Glasschild mit den Namen abmontierte und zusammen mit einer Hand voll Erde an das Grab der anderen Großmutter in Salzburg übersiedelte. Das war ihr ein ganz klares Bedürfnis – Und spätestens hier schmunzelt ein unverbesserliches Grundvertrauen über Christas Gesicht.


Weiterführende Links:
Bauchgefühl (Serie)
Inannas Gang in die Unterwelt
Theater bodi end sole

By remo

Über das Projekt

Das Projekt sammelt Geschichten und Stimmen zum Thema ‘Sternenkinder’ und möchte dies in Form von Audioaufnahmen zu einem Animationsfilm verarbeiten.

Die gesammelten Ergebnisse der Gespräche, sowie Einblicke in das Handwerk des Animationsfilms sollen über diese Webseite einem interessierten Publikum zugänglich sein. Ebenso soll dieses Archiv betroffenen Menschen als Inspiration und therapheutische Anlaufstelle dienen.

Das hier beleuchtete Phänomen ist kein Seltenes, und gerät als gesellschaftliches Tabu oft in eine prekäre Nische, die zu seelischen Schieflagen führen kann. Für den Film und die Sammlung werden Menschen gesucht, die anderen Betroffenen neue Sichtweisen und heilende Perspektiven schenken wollen.