{"id":945,"date":"2024-04-09T10:36:19","date_gmt":"2024-04-09T10:36:19","guid":{"rendered":"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/?p=945"},"modified":"2024-04-19T23:21:05","modified_gmt":"2024-04-19T23:21:05","slug":"6-auch-brueste-duerfen-weinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/2024\/04\/09\/6-auch-brueste-duerfen-weinen\/","title":{"rendered":"#6 Auch Br\u00fcste d\u00fcrfen Weinen"},"content":{"rendered":"\n<p>Man wei\u00df eigentlich gar nicht, wer von den Anwesenden wirkliche Eltern sind. Es sind sicher auch deren Eltern und Verwandte dabei. Oder Menschen, die gar kein Kind begraben lassen, sondern aus anderen Gr\u00fcnden der Einladung gefolgt sind. In der Aufbahrungshalle ein Geistlicher. Eine Zeremonie. Ungef\u00e4hr zwanzig Kinder in verschiedensten Entwicklungsstadien liegen in der Kiste. Am Friedhof eine kleine, daf\u00fcr vorbereitete Grube. Ein halbes Jahr haben Marlene und Stefan gewartet, weil Bestattungen in Gemeinschaftsgr\u00e4bern f\u00fcr Sternenkinder am Sankt Barbara Friedhof nur zwei Mal im Jahr stattfinden. Sie verabschieden sich von Vincent.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/06-MarleneStefan.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine Weltkarte zum Rubbeln h\u00e4ngt im Vorhaus. Wir sitzen an einem gro\u00dfen Esstisch in der ger\u00e4umigen Stadtwohnung. Am Fenster zum Balkon stehen Pflanzen und ein K\u00e4rtchen mit winzigen blauen Fu\u00dfabdr\u00fccken. F\u00fcr mich ein spannender Moment, weil zum ersten Mal die m\u00e4nnliche Seite mit dabei ist. Mir fehlt das dritte Mikrofon. Nach kurzem Geplauder \u00fcbers Reisen rollen wir die Geschichte aus. Pragmatisch gefasste und dann gl\u00e4nzende Augen. Die Nuancen in den Stimmen lassen gewisse Ereignisse heute noch beben. Ich ignoriere eine Tr\u00e4ne. Mich fasziniert die Verbundenheit des Paares, sie strahlen Kraft aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Laut Gesetzgebung hat man bei einer Fehlgeburt vor der dreiundzwanzigsten Schwangerschaftswoche Anspruch auf drei Krankenstandstage. Alles danach erh\u00e4lt vier Wochen und den Titel &#8220;Fr\u00fchgeburt&#8221;. Nat\u00fcrlich kann der Hausarzt hier noch individuell nachjustieren. Grunds\u00e4tzlich hatte Marlene gute Erfahrungen im Krankenhaus gemacht, auch wenn es Momente der Irritation gab. Es ging ja doch relativ schnell. Eine perfekte Schwangerschaft, dann ein harter Bauch, ein Bakterienhaufen im Fruchtwasser. Nichts total Ungew\u00f6hnliches. Antibiotika und eine Woche Krankenhaus. Man wird eingeliefert und Marlene wei\u00df, dass etwas nicht stimmt. Nach der zweiten Untersuchung \u00f6ffnet sich der Muttermund. Es ist unaufhaltsam, das Baby kommt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Ja, wir machen das jetzt. Ich bin da f\u00fcr euch. \u00dcberlegt&#8217;s euch schonmal einen Namen. \u2013&nbsp;Und da hab ich mir gedacht, jetzt wollt&#8217;s mich verarschen.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Was soll das Ganze? Jetzt sagen die, ich soll ein Kind zur Welt bringen, von dem ich danach \u00fcberhaupt nichts hab und soll mir auch noch einen Namen \u00fcberlegen? W\u00e4r&#8217;s nicht viel leichter, sie setzen mich in Narkose und schneiden mir das Ding raus? \u2013\u00a0Sowas kommt einem surreal und komplett sinnbefreit vor. Im Nachhinein sind beide froh dar\u00fcber. Denn der Name ist ein wichtiger Anker f\u00fcr die Greifbarkeit und Realit\u00e4t, in der Vincent heute noch Teil der Familie ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Krei\u00dfsaal sind nebenan andere M\u00fctter. &#8220;Da wird man was h\u00f6ren, aber das hilft jetzt eben nicht viel. Da m\u00fcssen wir jetzt durch.&#8221;, sagt die Hebamme. Dann bringt man es auf die Welt und man kommt in einen privaten Raum auf der Internen. Weg von den Schwangeren. Ein taktvoller Zug. Dann hat man Zeit und er wird gebracht. Stefan erz\u00e4hlt, dass er ihn in H\u00e4nden hielt. Alles schon da: kleine Finger und komplett ausgebildete Zehen. Zweihundertf\u00fcnfzig Gramm. Wie ein St\u00fcckerl Butter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erinnerung daran ist trotzdem hart. Wie kommt man jetzt wieder zur\u00fcck in ein normales Leben? Wie ruft man seine Mutter an und erkl\u00e4rt, dass es kein Baby mehr gibt? Wie erz\u00e4hlt ein werdender Vater seinen taffen Businesskollegen, dass jetzt alles doch nicht so wird, wie angek\u00fcndigt? \u2013 Ist man dann noch stolz? Wie formuliert man das? Marlene und Stefan wussten von Anfang an, dass ihnen das nicht peinlich ist. Mit jedem Mal reden, wird man ein St\u00fcckchen leichter. Sogar Marlenes Chef \u2013&nbsp;eine sonst wohl weniger nahbare Autorit\u00e4tsperson \u2013 meinte aus eigener Erfahrung, dass das Loch nat\u00fcrlich nie weggehen, aber der Schmerz weniger wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Wir waren wellnessen, so herrlich! Ein Wochenende ganz zu zweit. Das wirst du auch bald kennen lernen. Bei euch ist es ja bald soweit.<\/p><cite>Eine unwissende Kollegin w\u00e4hrend einer Videokonferenz.<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Es war die Zeit des Home Office. Und man hatte ja kaum Gelegenheit, allen KollegInnen Bescheid zu geben. Nur die engsten waren eingeweiht. W\u00e4re es nicht besser gewesen, wenn jemand gesagt h\u00e4tte: &#8220;Marlene ist jetzt einen Monat nicht da. Nicht weil sie Grippe hat oder sowas. Sondern weil sie ihr Kind verloren hat.&#8221; Das w\u00e4re viel einfacher gewesen. Aber da tritt wohl eher die Unbeholfenheit zu Tage. Die Leute sagen lieber nichts und wollen damit besch\u00fctzen. Aber Marlene hat es immer mehr geholfen, wenn jemand gesagt hat, &#8220;Ich wei\u00df, was passiert ist.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Und das kommt ja auch vor, wenn auch oft verz\u00f6gert. Es ist quasi das &#8220;Klassische&#8221;, dass Leute im passenden Moment an dich herantreten und erz\u00e4hlen, dass sie &#8220;das&#8221; kennen. Vor allem bei m\u00e4nnlichen Kollegen hat Stefan eine neue Ebene entdeckt. Pl\u00f6tzlich ist da nicht mehr nur das Gesch\u00e4ftliche. Die Tonalit\u00e4t der Gespr\u00e4che \u00e4ndert sich. Privaten Erlebnissen wird Raum zugestanden. Emotionen d\u00fcrfen durch die verh\u00e4rtete Schale sickern. Ein knappes &#8220;Ja, ich hab das auch erlebt.&#8221; reicht da vollkommen, um einen Konnex aufzubauen und Anteilnahme zu bekunden. Mehr braucht es oft nicht, um Betroffenen unter die Arme zu greifen und die Stigmata der \u00f6ffentlichen Betretenheit abzusch\u00fctteln. Das tut gut.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Was nat\u00fcrlich nicht leicht ist, wenn man beim Fr\u00fchst\u00fcck sitzt und auf einmal rinnt man aus.<br>Und es ist aber nix da.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Positive daran: Der K\u00f6rper wei\u00df, was zu tun ist. Die nat\u00fcrliche Geburt l\u00e4sst ein Programm ablaufen. Obwohl das Kind nicht \u00fcberlebt hat, kommt nach drei Tagen der Milcheinschuss. Was dann zu der paradoxen Situation f\u00fchrt, dass etwas gen\u00e4hrt werden soll, das es nicht gibt. Marlene sitzt im nassen Oberteil am Fr\u00fchst\u00fcckstisch und das n\u00e4chste Kapitel \u00f6ffnet sich. Die Stadien der Trauer, das Leugnen und alles was dazu geh\u00f6rt. Die Hebamme erkl\u00e4rt: &#8220;Auch Br\u00fcste d\u00fcrfen weinen.&#8221; Und sie gestehen sich ein, dass das alles dazu geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dabei waren sie beide erstaunt, als sie zwei Tage nach der Geburt von Vincent innerlich wussten, dass sie unbedingt ein Kind haben wollen. Irgendwie best\u00e4rkt durch das Erlebte und den Glauben, dass man es &#8220;schaffen&#8221; kann. Denn der K\u00f6rper hat es ja bewiesen, dass er einen Menschen fabrizieren kann. Warum sollte er es nicht nochmal schaffen? <\/p>\n\n\n\n<p>Und klar: hat man dann Angst w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Schwangerschaft. Und man ist doppelt nerv\u00f6s vor jedem Ultraschall. Aber wenn dann der Herzschlag sichtbar ist, fasst man jedes Mal wieder neuen Mut. \u2013&nbsp;&#8220;Vor allem der Moment wo wir ihn gehalten haben, war so sch\u00f6n, dass wir gewusst haben, das wollen wir. Der Moment, der uns zusammenschwei\u00dft. Dass das UNSER Kind ist. Das wollen wir haben.&#8221;, erinnert sich Stefan.<br><br>Und sie wissen, dass sie als Paar auf ein ganz anderes Level gekommen sind. In dieser einen Nacht. &#8220;Und nat\u00fcrlich auch als Mensch w\u00e4chst man an so intensiven Erlebnissen. Man wird irgendwie anders&#8221;, meint Marlene. Kurz danach beschlie\u00dfen sie zu heiraten, sind heute Eltern von Paulina und erwarten derzeit einen Sohn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man wei\u00df eigentlich gar nicht, wer von den Anwesenden wirkliche Eltern sind. Es sind sicher auch deren Eltern und Verwandte dabei. Oder Menschen, die gar kein Kind begraben lassen, sondern aus anderen Gr\u00fcnden der Einladung gefolgt sind. In der Aufbahrungshalle ein Geistlicher. Eine Zeremonie. Ungef\u00e4hr zwanzig Kinder in verschiedensten Entwicklungsstadien liegen in der Kiste. 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