{"id":1293,"date":"2024-07-24T07:43:28","date_gmt":"2024-07-24T07:43:28","guid":{"rendered":"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/?p=1293"},"modified":"2024-09-21T21:10:52","modified_gmt":"2024-09-21T21:10:52","slug":"13-von-der-bekundung-der-scheisse-zur-rueckkehr-des-lachens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/2024\/07\/24\/13-von-der-bekundung-der-scheisse-zur-rueckkehr-des-lachens\/","title":{"rendered":"#13 Von der Bekundung der Schei\u00dfe zur R\u00fcckkehr des Lachens"},"content":{"rendered":"\n<p>Eigentlich war es immer schon unm\u00f6glich gewesen. Endometriose<sup data-fn=\"69602a32-e896-408b-a2a8-fdb6d405d16f\" class=\"fn\"><a href=\"#69602a32-e896-408b-a2a8-fdb6d405d16f\" id=\"69602a32-e896-408b-a2a8-fdb6d405d16f-link\">1<\/a><\/sup>, die immer wieder zu Komplikationen f\u00fchrt. Und eigenartigerweise bleibt auch die Regelblutung immer wieder genau so lange aus, bis sie einen Schwangerschaftstest macht. Nat\u00fcrlich immer negativ. Eine schr\u00e4ge Routine, um das hohle Prozedere einzul\u00e4uten. Psychosomatischer Schnickschnack zum Hohn einer ohnehin beschissenen Diagnose: Unfruchtbar. Dass nach eben dieser und zeitgleich zur Schwangerschaft der Schwester ein monatlicher Test positiv ausschl\u00e4gt, grenzt an ein Wunder. Im Mai 2022 findet sich Dodo pl\u00f6tzlich in gro\u00dfer Verwirrung, die schnell einer wachsenden Freude weicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/13-Dodo.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Sechs Wochen m\u00fcssen schon vergangen sein. Beide sind \u00fcbergl\u00fccklich, obwohl niemand damit gerechnet hatte. Alle Untersuchungen best\u00e4tigen, was von medizinischer Seite vor Kurzem noch ausgeschlossen schien. Alles da, alles am Laufen. Es schl\u00e4gt ein Herz, wo nie eines existieren h\u00e4tte d\u00fcrfen. Und nat\u00fcrlich beginnt man zaghaft die frohe Botschaft zu verbreiten. Weiht nach und nach die engsten Personen ein. Realisiert selbst anhand jeder weiteren Bekundung. <br><br>Und so ver\u00e4ndert sich auch der K\u00f6rper. Spielt neue Melodien im Haushalt der Hormone. Dodo vertraut auf die Ver\u00e4nderung, obwohl sie das Neuland auch irritiert. Nach weiteren sieben Wochen, bereits in der dreizehnten, steht die n\u00e4chste Eltern-Kind-Pass-Untersuchung ins Haus. Das Paar befindet sich grade im Urlaub. Ihr Partner bleibt und Dodo reist f\u00fcr den Check verfr\u00fcht nach Hause. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Gyn\u00e4kologin: Seng\u2019s Se\u2019s eh a?<br>Dodo: Ja, i siag\u2019s a ned.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>In der Praxis l\u00e4uft alles wie immer. Eine Routinesache. Die Gyn\u00e4kologin legt die Ger\u00e4tschaften an, die \u00fcblichen Handgriffe. Die Ger\u00e4usche der Technik und das Gef\u00fchl am Bauch. Aber heute fehlt etwas, merkt Dodo rasch. Etwas ist anders. Und ehe die \u00c4rztin inne h\u00e4lt und ihr stumm in die Augen sieht, beginnen schon die Tr\u00e4nen zu flie\u00dfen. Denn es ist klar. \u2013&nbsp;&#8220;Sehen Sie&#8217;s auch?&#8221;, fragt die Gyn\u00e4kologin und Dodo bejaht. Wenn man&#8217;s einmal geh\u00f6rt hat, wei\u00df man, wie sich das normalerweise anh\u00f6rt. Und ja, man sieht auch, dass sich nichts bewegt. Skurril der Widerspruch, der das Nervenkost\u00fcm vom einen auf den anderen Moment packt und unversehens in der Luft zerreisst.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird ihr freigestellt, darauf zu warten, bis das Kind von selbst abgeht. Alternativ k\u00f6nnte man es im Krankenhaus erledigen. Eine irritierende Fragestellung f\u00fcr eine k\u00fcrzlich noch hoffnungsgeladene Mutter. Die Schwester steht bald zur Seite, f\u00e4ngt und sammelt die Fetzen auf, die hier auf den Boden einer zerm\u00fcrbten Realit\u00e4t segeln. Und tats\u00e4chlich gibt es noch einen freien OP-Termin und gemeinsam beschlie\u00dfen sie, es so schnell wie m\u00f6glich \u00fcber die B\u00fchne zu bringen. Operativ. Gleich am n\u00e4chsten Tag. Und im Nachhinein wei\u00df Dodo nicht, was f\u00fcr sie schlimmer gewesen ist: der Abbruch an sich oder die folgenden Erfahrungen im Krankenhaus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Ich wei\u00df nicht, wie Menschen das aushalten. Und allen, die das aushalten, m\u00f6cht&#8217; ich gratulieren.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Zur vereinbarten Zeit am Folgetag steht sie bei der Anmeldung und wird kurzerhand wieder heimgeschickt. Es sei was dazwischen gekommen und es handle sich nicht um eine Not-OP. Es sei jetzt nicht so wichtig. Sie solle in f\u00fcnf Tagen wieder kommen. Dann h\u00e4tten sie vielleicht wieder einen freien Termin. \u2013\u00a0Vor den Kopf gesto\u00dfen, bleiben nur Gedanken wie: &#8220;Ihr seid doch alle wahnsinnig. Ihr lasst mich jetzt allen Ernstes f\u00fcnf Tage so rumsitzen?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so bunkert sich das Paar in ihrer Wohnung ein und sie versuchen zu realisieren, einzuordnen. Man will in aller Intimit\u00e4t verstehen lernen, wie man mit dieser Situation umgehen soll. &#8220;Es beginnt eine Zeit, die sich sp\u00e4ter noch als wertvoll herausstellen wird&#8221;, meint Dodo. Und gleichzeitig steht das wichtigste Event des Jahres vor der Haust\u00fcr. Das Ottensheimer Open-Air. Ein Musikfestival das sie seit jeher organisiert. Ein Projekt, das ihr mehr als am Herzen liegt. Und es beginnt ausgerechnet jetzt, einen Tag nach der Botschaft. Jegliches Empfinden von Freude ist unm\u00f6glich, wirkt wie in den Boden gestampft. Und wie k\u00f6nnte man auch hingehen? All die Menschen und die ganze Stimmung. Alle w\u00fcrden Fragen stellen. Alles zum Kotzen kontr\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst als sie am zweiten Tag des Festivals gemeinsam den Stream ansehen, schafft es ihr Partner auf liebevolle Weise die Perspektive zu \u00e4ndern: &#8220;Hey, das Festival ist doch ein ganz wichtiger Teil von dir. Bringen wir das Baby doch auch noch hin. Das k\u00f6nnte doch auch sch\u00f6n sein.&#8221; \u2013 Und es d\u00fcrfte trotz der Gratwanderung ein wesentlicher erster Schritt getan worden sein, der Dodo dazu bewegt, sich eine Spur weit zu \u00f6ffnen. Etwas z\u00e4hfl\u00fcssiges ins Flie\u00dfen zu bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und so fahren sie hin. Nicht voll auf Juhu, aber eher zum Sp\u00fcren. In behutsamer Distanz zur allgemeinen Ausgelassenheit passieren in k\u00fcrzester Zeit ein Hand voll Begegnungen, die tats\u00e4chlich guttun. Die Mut geben. Und so werden die f\u00fcnf Tage bis zur OP zu einer ganz besonderen Zeit des Abschieds und einer gewissen Dankbarkeit: &#8220;Einerseits schr\u00e4g, zu wissen, dass man dieses nichtlebende Kind in sich hat und andererseits war&#8217;s auch: Hey, kurz bist&#8217; noch bei mir.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Aber es kann ja nicht sein, dass man heulend im Wartezimmer sitzt und eine Krankenschwester fragt, was mit einem los sei. Dann sagt man, was los ist und sie sagt Huch und l\u00e4uft davon.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Im zwischenmenschlichen Umgang ist noch viel Luft nach oben. Vor allem beim medizinischen Personal, dessen t\u00e4glich Brot es sein m\u00fcsste, mit Betroffenen ad\u00e4quat umzugehen. Um so mehr die Entr\u00fcstung nach so mancher Begegnung. Zur obligatorischen Untersuchung zur Feststellung des Todes nimmt Dodo ihre Schwester mit. Ein essentieller Fels in der Familie und genau richtig zum Festhalten in diesen elenden Stunden. Sie besteht auch darauf, die Monitore aus dem Sichtfeld zu drehen, den Ton des Ger\u00e4tes auf stumm zu schalten. Auf Dr\u00e4ngen ihrer Schwester erhalten sie noch am selben Tag ein psychologisches Beratungsgespr\u00e4ch. Auf die eingangs gestellte Frage, nach dem Grund des akuten Besuches, meint die Psychologin: &#8220;Ja, da ist die Natur wohl mal wieder gro\u00dfz\u00fcgig gewesen. Die braucht dieses Kind eben grade nicht.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte sie das Behandlungszimmer nicht sofort verlassen, w\u00e4re der Dame etwas passiert. Perplex ruft ihnen diese noch nach und bietet Hilfe f\u00fcr wann auch immer. Doch Dodo zerrt ihre Schwester aus dem Krankenhaus. Die taktlos empfangen Worte erzeugen in ihr eine unheimliche Wut und ihre altbekannte Willenskraft scheint zur\u00fcck zu kehren. Was prinzipiell gut tut. Aber ob es am Ende gar psychologische Taktik gewesen sein k\u00f6nnte, um die Betroffene aus ihrer Schockstarre zu locken, bleibt zu bezweifeln. Das positiv besetzte Wort &#8220;gro\u00dfz\u00fcgig&#8221; im Zusammenhang mit dem Verlust eines Kindes zu benutzen, entzieht sich bis heute jeglichem Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Episode ist nur ein Anfang einer anhaltenden Serie irritierender Begegnungen. Und so tr\u00e4gt sich die Nachricht nat\u00fcrlich auch ins Umfeld hinaus. Auf einer Skala von schr\u00e4g-schwierig bis zu unheimlich-heilsam passiert so ziemlich alles. Und Dodo \u00fcbt sich in St\u00e4rke und Sanftmut, wo ihr doch manchmal Emotionen wie Kr\u00e4nkung oder Wut, den Kragen h\u00e4tten platzen lassen m\u00fcssen. Da gibt es einerseits Menschen, die mit ganz gro\u00dfen Armen auf einen zukommen. Meisten mit eigenen Erfahrungen oder Bezugspunkten. Dann gibt es aber auch die gutgemeinten Ratschl\u00e4ge oder pseudotr\u00f6stlichen Bemerkungen. Man solle ja auch das Positive darin sehen. Schlu\u00dfendlich habe man es ja zumindest geschafft, trotz der Diagnose schwanger zu werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Ich hab nicht gewusst, wie ich damit umgehen soll, dass Menschen, die mir Nahe sind, nicht damit umgehen k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Und klar, geschieht Vieles nicht aus B\u00f6swilligkeit. Aber die Unbeholfenheit im Umgang mit dem Tabuthema Sternenkind bricht so mancher Mutter das Herz. Und so auch teilweise Dodo, die sich ja trotz des Vorfalls um keinen Millimeter ver\u00e4ndert hat. Und so best\u00e4ndig w\u00e4ren doch auch die vorhandenen Freundschaften und Beziehungen gewesen, oder etwa nicht? Warum dann bitte diese Schutzhaltungen, dieses Aus-Dem-Weg-Gehen und dieses Sch\u00f6n-Reden? Das macht auf Dauer grantig. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Die gr\u00f6\u00dfte Frechheit besteht tats\u00e4chlich darin, dass einfach nicht dar\u00fcber geredet wird&#8221;, benennt Dodo die verwahrloste und leider g\u00e4ngige Haltung. Zumindest k\u00f6nnte man es anerkennend anspielen. Irgendwie. Hauptsache etwas sagen. Ob und wie die betroffene Person darauf einsteigt, bleibt ihr dann ohnehin \u00fcberlassen. Nur das Schweigen ist der Killer. Man br\u00e4uchte das Gegenteil. Mit offenen Armen m\u00fcssten sie einem entgegen laufen und um den Hals fallen. Einen bedingungslos auffangen und verdammt nochmal einfach nur da sein. Nur versucht der Mensch unangenehmen Situationen in der Regel aus dem Weg zu gehen. Keiner steht sich&#8217;s wirklich auf sowas und die Mehrheit ist so sozialisiert worden. Man tickt nunmal im Sinne einer Vermeidungstaktik: &#8220;Uh, das ist was Schlimmes passiert. Da werd ich jetzt lieber nicht gebraucht. Das ist besser so.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Im selben Kontext erinnert sich Dodo an ihr erstes Begr\u00e4bnis als Kind. Das unglaublich beklemmende Gef\u00fchl, das sie nie vergessen wird. Alle Erwachsenen stehen rum und heulen. Mama, Papa, Gro\u00dfeltern. Und dann musst du zu den Hinterbliebenen gehen, die H\u00e4nde sch\u00fctteln und dein Beileid sagen. Schon Arg als Kind. Ziemlich In-Your-Face. So lernt man das. Und genauso gibt es auch gen\u00fcgend andere Verhaltensvorlagen. Wenn wo ein Kind geboren wird, stellt man einen Storch auf, zu jedem Geburtstag eine Torte, bei jedem Dachstuhl ein Baum drauf, zu Ostern ein Kranz an die T\u00fcr, et cetera &#8230; aber wenn ein Sternenkind auf die Welt kommt, wei\u00df niemand so recht, wie man reagieren soll. Wir wissen es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald beginnt Dodo ihre Strategie zu \u00e4ndern und nimmt eine brachial offene Haltung ein. Denn wenn Menschen, die ihr Nahe stehen, nicht wissen, wie sie mit ihr umgehen sollen, dann m\u00fcsse sie das einfach ganz klar kommunizieren. Auf die Frage nach dem aktuellen Befinden kam sinngem\u00e4\u00df nicht nur einmal die Antwort: &#8220;Ziemlich schei\u00dfe. Hab grad ein Kind verloren. Und Dir?&#8221;. Und so mag es auch passiert sein, dass sie der ein oder anderen Person vor den Kopf gesto\u00dfen haben mag. Aber solche Kollateralsch\u00e4den scheinen ihr immer noch verkraftbarer, als so manch passive Ignoranz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Hausarzt: \u201cWas f\u00fcr eine Schei\u00dfe\u201d<br>Ja, jetzt sagt endlich mal wer, was das ist. <br>N\u00e4mlich eine richtige Schei\u00dfe.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt findet der Hausarzt als Erster die wohl professionellsten Worte: &#8220;Was f\u00fcr eine Schei\u00dfe!&#8221; \u2013&nbsp;&#8220;Und es soll okay sein d\u00fcrfen, dass es schei\u00dfe ist&#8221;, betont Dodo. Es gen\u00fcgt ja schon, dass sich alle um dich Sorgen machen und auch der Partner \u00fcberhaupt nicht wei\u00df, wie er mit dir umgehen soll. Man muss zwischenmenschlich durchgehend Feingef\u00fchl aufbringen und gleichzeitig mit den eigenen Zust\u00e4nden in Einklang bringen. Irgendwie funktionieren. Da tut es gut, die Dinge mal beim Namen zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie h\u00e4tte sich nie gedacht, dass sie dem Ganzen irgendwann auch noch mal etwas Gutes abgewinnen w\u00fcrde. Aber Dodo spricht heute positiv \u00fcber ihre eigene Transformation. Viel gelernt habe sie, viel \u00fcber sich selbst und ihren K\u00f6rper. Auch \u00fcber das Gesundheitssystem und die Menschen, mit denen sie in Verbindung lebt. Sie wei\u00df heute, dass es in solchen Situationen wichtig ist, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen, auf das was man braucht. Die Bed\u00fcrfnisse Anderer d\u00fcrfen sich in solchen Zeiten getrost in die zweite Reihe stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie betont es, weil sie sich oft mehr Sorgen um andere macht, als um sich selbst. &#8220;Ein Ablenkungsman\u00f6ver und der einfachere Weg&#8221;, meint sie. Sie rei\u00dft sich zusammen und beginnt eine Therapie, um mit der Trauer umgehen zu lernen. Bemerkt aber schnell, dass die Sitzungen nicht das Richtige f\u00fcr sie sind. Sie besucht bald Gespr\u00e4chsgruppen, trifft sich mit anderen Betroffenen. Sucht Austausch auch im privaten Umfeld. Und Schritt f\u00fcr Schritt beginnt die Einsamkeit ihre versteinerte Gestalt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Die ersten Wochen und eigentlich Monate bin ich mir vorgekommen wie der einsamste Mensch der Welt. Das ist nur mir passiert und sonst niemandem. So denkt man.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Immer mehr Betroffene treten in Erscheinung. Menschen, von denen man nie vermutet h\u00e4tte, dass sie auf irgendeine Weise \u00c4hnliches erlebt haben. Das hilft voll. Dodo bemerkt, dass sie es verabs\u00e4umt haben muss, sich bei bestimmten Menschen jemals zu bedanken. Vermutet aber im selben Atemzug, dass diese bestimmt wissen, dass man in diesen Phasen ein anderer Mensch ist. Und dabei ist es oft nebens\u00e4chlich, wie oft man die Geschichte schon erz\u00e4hlt hat. Jedes Mal \u00e4ndert sich die Perspektive. Jedes Mal tritt eine neue Ansicht zutage. Das Einzige, das nicht hilft, ist nicht dar\u00fcber zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange verflucht Dodo ihren K\u00f6rper. Hasst ihre anatomische Unf\u00e4higkeit. Sie erschrickt jedes Mal, wenn sie ihren Bauch ber\u00fchrt. Denn die letzte Person, die das tat, war die Gyn\u00e4kologin, als sie feststellte, dass der Herzschlag nicht mehr da ist. Auch f\u00fcr den Partner eine absolute Tabuzone, \u00fcberall anders, nur nicht am Bauch. Bis sie sich eines Tages einer Therapeutin stellt, die k\u00f6rperliche Traumata behandelt. Sie schildert ihr die Grundz\u00fcge ihrer Geschichte, verschweigt aber bewusst, das Thema mit dem Bauch. &#8220;Es war voll der wichtige Schritt in dem ganzen Prozess, dass mir wer Fremder auf den Bauch gegriffen hat. Da hat sich voll viel gel\u00f6st in mir. Da hab ich alles rauslassen m\u00fcssen, aber es war super.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf meine Frage, ob es auch etwas Bewahrenswertes aus dieser Zeit mitzunehmen g\u00e4be, meint sie, dass es wohl ein Plus an Selbstliebe sei. Denn durch die konsequente Achtsamkeit, die ihr die Situation abverlangte, hat sie gelernt, k\u00f6rperliche Ver\u00e4nderungen wahrzunehmen und zu reagieren. Signale, die sie fr\u00fcher aus Beil\u00e4ufigkeit ignoriert h\u00e4tte. Wenn sie zum Beispiel mal phasenweise Gewicht verlor, hatte sie sich gedankenlos dar\u00fcber gefreut. Heute versucht sie den Ursachen nachzuf\u00fchlen, dem K\u00f6rper die richtigen Fragen zu stellen und zu beobachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Dodo wei\u00df, dass sie mittlerweile schon viele Sichtweisen durchlebt hat. Und sie sieht sich heute als anderen Menschen. Die Summe der Erfahrungen hat eine Pr\u00e4gung im Denken und Handeln hinterlassen. Den Blick auf die Gestaltung des eigenen Lebens neu definiert und gesch\u00e4rft. Sie wei\u00df heute, wie sie leben m\u00f6chte und vor allem: wie sie <em>nicht<\/em> leben m\u00f6chte. Vieles h\u00e4tte sie sich anders gew\u00fcnscht und kann es heute klar benennen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Und bitte Freunde, bitte erz\u00e4hlt es trotzdem, wenn ihr schwanger seid&#8221;, lautet ihr dringender Appell. Denn nicht nur einmal durfte sie \u00fcber drei Ecken erfahren, dass eine nahestehende Person ein Kind erwartet. &#8220;Es bringt \u00fcberhaupt nichts, man wird eh nicht verschont. Von der ganzen Welt nicht.&#8221; Sie verg\u00f6nnt es jeder Frau, Mutter zu werden. Sowas darf man nie in Bezug auf sich selbst setzen. Genauso sp\u00fcrt sie in keiner Sekunde Eifersucht, als ihre Schwester zeitgleich Mama wird. Ist hingegen von Herzen dankbar, als j\u00fcngere Tante eine so bereichernde Rolle zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Da war ein Baby da, das mich ang\u2019schaut hat <br>und Fridolin gehei\u00dfen hat.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Verarbeitung nimmt ihren Verlauf und die Monate ziehen vorbei. Die letzte H\u00fcrde, die Dodo noch Angst macht, ist das errechnete Geburtsdatum. Sie f\u00fcrchtet diesen Termin, wegen der vielen schwierigen Emotionen, die sie wieder einholen k\u00f6nnten. Wegen der Tatsache, dass es der Tag einer gesunden Begegnung h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Die M\u00fcndung aller verpassten M\u00f6glichkeiten, die zur Gen\u00fcge die letzten Monate dominiert hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurioserweise nimmt Dodo dieses Datum nicht wahr und \u00fcbersieht den Tag. Erst als sie zwei N\u00e4chte danach von der Geburt tr\u00e4umt, tritt eine Gestalt in ihr Bewusstsein. Im Traum geb\u00e4rt sie ein Kind, als w\u00e4re alles in Ordnung. Auch ihr Partner ist anwesend. Es kommt auf die Welt und sie h\u00e4lt es im Arm. Und pl\u00f6tzlich bekommt das Kind ein Gesicht und auch einen Namen: Fridolin. Und er sieht ihnen in die Augen. Ganz schr\u00e4g das Gef\u00fchl. Und auf wundersame Weise l\u00f6st sich etwas, ein Schmerz beginnt zu br\u00f6ckeln. Wie lange hatte sie sich doch gew\u00fcnscht, ihn nur kurz halten zu d\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und ebenso unmittelbar, wie er erscheint, geht er im Traum auch wieder. Denn er stirbt sogleich. Besucht und verl\u00e4sst sie innerhalb k\u00fcrzester Zeit. Ganz simpel und unverbl\u00fcmt. \u00dcber den Namen h\u00e4tten sie schon einige Male gesprochen, das Geschlecht aber nie erfahren. Jetzt ist alles klar. Irgendwie durchlebt und akzeptiert. Als sie ihrer Schwester am Tag darauf davon erz\u00e4hlt, ist diese anfangs schockiert und in Sorge. Aber Dodo beruhigt und sagt: &#8220;Es hat so gut getan. Das war voll wichtig und ein total notwendiger Schritt&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Und was voll wichtig ist: Ich hab mir nicht gedacht, dass ich jemals wieder so viel lachen kann.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Vieles hat sie auch ihrer Familie zu verdanken, die ihr den wichtigen Momenten zu den richtigen Schritten geraten haben. Immer da waren, wenn der Hut brannte. Dodo sch\u00e4tzt sich gl\u00fccklich und bemerkt gleichzeitig, dass sowas nicht immer bei der Familie h\u00e4ngen bleiben darf. Da muss es mehr geben. Sie erinnert sich an ihre relativ ratlose Gyn\u00e4kolgin, die ihr nur einen einzigen brauchbaren Link gab. &#8220;Es gibt ja auch ein Schwammerlamt. Wieso gibt es nicht auch irgendwo ein Kammerl, wo ich hingehen kann und jemand sagt mir, was ich tun kann?&#8221;, bemerkt sie ironisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals dachte sie, dass das mit dem Gl\u00fccklichsein f\u00fcr immer vorbei ist. Das wird nix mehr. Aber heute wei\u00df sie, dass das Bl\u00f6dsinn ist. Dass man stark genug ist, ob man&#8217;s im Moment glaubt oder nicht. R\u00fcckblickend sagt sie, was sie sonst nur \u00fcber Andere geglaubt hat: &#8220;Wow, was f\u00fcr eine coole Frau&#8221;. Und immer wenn sie heute Kraft braucht, nimmt sie tats\u00e4chlich das Telefon und ruft ihren Ex-Partner an. Der einzige Mensch, der wirklich hautnah dabei war, der jede Nuance mitf\u00fchlen kann. Und auch ihr Hund wei\u00df viel zu geben, hilft aus schwierigen Situationen und kompensiert auf bemerkenswerte Weise die Mutterschaft. Obwohl verboten, f\u00fchrt die Spazierrunde oft zum Friedhof, wo sie zum Jubil\u00e4um des Traumes j\u00e4hrlich ein Kerzerl anz\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und manchmal besucht er sie sogar noch heute in ihren Tr\u00e4umen. Ist anwesend in Herz und Emotion. Auf meine Frage nach ihrer pers\u00f6nlichen Definition von Seele, bemerkt Dodo, bis dato keine bewusste Idee dazu gehabt zu haben. Heute spricht sie mit ihrem Ex-Partner immer wieder dar\u00fcber. Weil Fridolin da war, sie ihn nur als Mensch nicht kennen lernen durfte. Und es sprudeln die Gedanken: \u00fcber das sonderbare Gef\u00fchl der Elternschaft oder das Ph\u00e4nomen der \u00e4lteren Menschen, die sie als &#8220;alte Seele&#8221; bezeichnen und oft um Rat fragen. Au\u00dferdem ist sie \u00fcberaus dankbar f\u00fcr ihre konstant absurden Gehirnaktivit\u00e4ten im Schlaf. Und man sp\u00fcrt, wie ihr Schmunzeln den Raum erhellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Was bleibt, ist das wiederkehrende Bed\u00fcrfnis zu Reden und die Eltern haben sich versprochen, in dieser Sache immer f\u00fcreinander da zu sein. Auch wenn der Hype der harten Phase l\u00e4ngst verblichen und die Beziehung nicht standgehalten haben mag, bleiben sie in steter Obsorge um den Gedanken Fridolin ewige Verb\u00fcndete.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"69602a32-e896-408b-a2a8-fdb6d405d16f\">Endometriose \u2013\u00a0Oft schmerzhafte chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Geb\u00e4rmutterschleimhaut \u00e4hnlich ist, au\u00dferhalb der Geb\u00e4rmutterh\u00f6hle Verwachsungen bildet. Gewebeblutungen und Narbenbildung f\u00fchren bei gesch\u00e4tzt drei\u00dfig bis f\u00fcnfzig Prozent der Betroffenen zur Unfruchtbarkeit. (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Endometriose#:~:text=%E1%BC%94%CE%BD%CE%B4%CE%BF%CE%BD%20%3D%20endon%2C%20%E2%80%9Einnen%E2%80%9C,der%20Geb%C3%A4rmutterh%C3%B6hle%20(ektop)%20vorkommt.\">Wikipedia<\/a>) <a href=\"#69602a32-e896-408b-a2a8-fdb6d405d16f-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich war es immer schon unm\u00f6glich gewesen. Endometriose, die immer wieder zu Komplikationen f\u00fchrt. Und eigenartigerweise bleibt auch die Regelblutung immer wieder genau so lange aus, bis sie einen Schwangerschaftstest macht. Nat\u00fcrlich immer negativ. Eine schr\u00e4ge Routine, um das hohle Prozedere einzul\u00e4uten. Psychosomatischer Schnickschnack zum Hohn einer ohnehin beschissenen Diagnose: Unfruchtbar. 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