{"id":1166,"date":"2024-05-23T12:45:04","date_gmt":"2024-05-23T12:45:04","guid":{"rendered":"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/?p=1166"},"modified":"2024-09-06T10:38:53","modified_gmt":"2024-09-06T10:38:53","slug":"11-ein-appell-an-die-kultur-der-unfehlbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/2024\/05\/23\/11-ein-appell-an-die-kultur-der-unfehlbarkeit\/","title":{"rendered":"#11 Ein Appell an die Kultur der Unfehlbarkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Die afro-brasilianische G\u00f6ttin Yem\u1ecdja<sup data-fn=\"17e9e2ec-a4cb-4de8-98a7-2c6fc41a86c5\" class=\"fn\"><a href=\"#17e9e2ec-a4cb-4de8-98a7-2c6fc41a86c5\" id=\"17e9e2ec-a4cb-4de8-98a7-2c6fc41a86c5-link\">1<\/a><\/sup>, mit ihren Urspr\u00fcngen in der westafrikanischen Yoruba Religion, gilt als Herrin des Wassers, der Mutterschaft und der Fruchtbarkeit. Die portugiesische Abwandlung macht daraus Janaina. Ein M\u00e4dchenname, der es vor f\u00fcnfzehn Jahren schaffte, eine \u00f6sterreichisch-brasilianische Beziehung vor eine gro\u00dfe Herausforderung zu stellen. Das Paar und das M\u00e4dchen gibt es in dieser Form heute nicht mehr. Was aber auf k\u00f6rperlicher Ebene der Verg\u00e4nglichkeit ausgesetzt ist, bleibt auf seelischer erhalten. In Form von wiederkehrenden Momenten im Alltag, im individuellen Schaffen und Denken. In fortw\u00e4hrender Verbindung zu einer tr\u00f6stenden Akzeptanz, die das Leben wieder lieben gelernt hat. Genauso mutig kritisieren wir auch die ungesunden Nebenwirkungen im Umgang mit dem Thema Tod und erinnern uns der Vers\u00f6hnung, die in unserer Kultur der Unfehlbarkeit so oft vernachl\u00e4ssigt wird. Eine zurecht vielversprechende Er\u00f6ffnung zur heutigen Geschichte der Kunstp\u00e4dagogin und Traumatherapeutin Carina da Silva Sampaio.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/11-Carina.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie wurde am zehnten Juni vor f\u00fcnfzehn Jahren auf die Welt geholt. In der vierzigsten Schwangerschaftswoche ist das Bett pl\u00f6tzlich nass und Carina freut sich, dass es los geht. Doch die \u00dcberraschung ist gleich mit einer berechtigten Sorge verkn\u00fcpft. Denn es kommt vielmehr Blut, als eine normale Zeichnung<sup data-fn=\"3e45061f-3923-4c9a-a63f-5f7620c79a3d\" class=\"fn\"><a href=\"#3e45061f-3923-4c9a-a63f-5f7620c79a3d\" id=\"3e45061f-3923-4c9a-a63f-5f7620c79a3d-link\">2<\/a><\/sup> verursachen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Normalerweise verd\u00fcnnt es sich mit dem Fruchtwasser, wirkt r\u00f6tlich und kommt nicht so dicht, wie diese Blutst\u00f6cke. Auf Anregung beim Telefonat mit der Rettung geht sie schnell nochmal Duschen und wird dann abgeholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man merkt, dass viel los ist im Krankenhaus. Einige Notf\u00e4lle, das Kreiszimmer ist voll. Nach der Erstuntersuchung wird ihr gesagt, dass alles in Ordnung ist und sie doch bitte im Warteraum Platz nehmen soll. Carina ist erstaunt, wo doch die \u00c4rztin selbst eine Nirostersch\u00fcssel drunter h\u00e4lt, um die Menge Blut auffangen zu k\u00f6nnen. Im Warteraum l\u00e4uft sie alle zehn Minuten auf die Toilette, um die Binde zu wechseln. Sie wartet und wird unrund. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>So ist das halt, wenn man ein Kind kriegt!<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Mehrmals bekundet sie den Hebammen am Gang, dass sie stark blutet. Darauf wird sie vertr\u00f6stet und ermahnt Ruhe zu bewahren. L\u00e4uft zur Toilette, wechselt, setzt sich. Fragt wieder, ob das normal sei. So geht das einige Male hin und her. Bis sie es bei der anscheinend falschen Person \u00fcbertreibt und schroff angefahren wird: &#8220;Es ist halt einfach so, wenn man ein Kind kriegt!&#8221; Als Erstgeb\u00e4rende weicht sie zur\u00fcck und versucht zu vertrauen. &#8220;Die \u00c4rzte werden&#8217;s schon wissen&#8221;, sagt sie sich.<br><br>Nach drei Stunden der Aufruf zur n\u00e4chsten Herzkontrolle. Man schallt und dann geht alles sehr schnell. Die Herzt\u00f6ne sind ausgeblieben und es muss ein Notkaiserschnitt gemacht werden. Janaina wird auf die Welt geholt und f\u00fcr eine Dreiviertelstunde reanimiert. Mit Erfolg. Nach einer Reihe von Untersuchungen wird sie bald in eine andere Klinik \u00fcberstellt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Dann haben sie mir gleich gesagt, dass es nicht gut ausschaut. Und ich hab gsagt: wurscht. Auch wenn sie schwerst behindert ist und ich sie ein Leben lang f\u00fcttern muss. Sie lebt.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Neoantologe erkl\u00e4rt den Eltern, dass Janaina mit den Maschinen zwar am Leben erhalten werden kann, die selbst\u00e4ndige Lebensf\u00e4higkeit jedoch nicht ausreicht. Die Chancen sind gleich Null. Grund daf\u00fcr war die Unterversorgung vor der Geburt. Die Plazenta war zweigeteilt, was prinzipiell \u00f6fter vorkommt und kein Problem ist. Wenn aber zwischen den Teilen ein Verbindungsgef\u00e4\u00df rei\u00dft, kommt es zu schweren Blutungen. Am Ultraschall sieht man das sehr schwierig und es ist kaum festzustellen. Es muss in der Nacht davor oder in der Fr\u00fch begonnen haben. <br><br>Der Schock sitzt tief. Carina und ihr Mann werden vor die Entscheidung gestellt, ob und wann die Ger\u00e4te abgeschaltet werden sollen. Weit entfernt vom Bild der dreik\u00f6pfigen Familie, das sie sich neun Monate ausgemalt haben, stehen sie vor einem Kasten voller Schl\u00e4uche. Mit unz\u00e4hligen Kabeln und Displays verbunden, beherbergt dieser den kleinen K\u00f6rper, den man zwar schon ber\u00fchren, aber nicht wirklich hochnehmen kann. Nach vierundzwanzig Stunden entscheiden sie sich und willigen ein, ihr Kind zu erl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nehmen Platz und sehen zu, wie alles abgeschlossen wird. Im Wissen, dass jeder n\u00e4chste Atemzug der letzte sein kann, d\u00fcrfen sie Janaina zum ersten Mal in den Armen halten. Heftige Zerrissenheit und Schmerz plagt diesen unglaublich sch\u00f6nen Moment: &#8220;Also das war zum Einen so sch\u00f6n, weil ich sie im Arm gehabt hab und zum Anderen auch furchtbar schmerzhaft und immer wieder dann die Zweifel, h\u00e4tte es nicht doch irgendwie wieder werden k\u00f6nnen?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Wenn die mir ins Gesicht sagen, sie w\u00fcrden jederzeit wieder so handeln, dann ist das in meinem Augen nicht okay.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten Schritte w\u00fcrde Carina aus heutiger Sicht nicht wieder so setzen. Denn sie stellt viele Fragen und bekommt unsensible Antworten. \u00c4rgert sich \u00fcber die unmenschlichen Handlungen, das Leugnen der Fehlbarkeit und \u00fcber die L\u00fcgen, die ihr aufgetischt werden. Und sie wei\u00df, dass bei einem derartigen Blutverlust, anders h\u00e4tte reagiert werden m\u00fcssen. Mehrmals hatte sie ihre Sorge kundgetan. Als sie dies im Nachhinein anzusprechen versucht, bekommt sie zur Antwort, dass dem Krankenhaus kein Fehler passiert sei und jederzeit wieder so gehandelt werden w\u00fcrde. <br><br>Diese Aussage bringt Carina soweit, dass sie beschlie\u00dft einen Patientenanwalt einzuschalten. Und hier beginnt ein langer und sehr m\u00fchsamer Weg im Schlagabtausch mit einem Goliath. Denn die Aussagen seitens der Klinik leugnen jedwede Verantwortung. Beteuern, dass auf den Blutverlust nie hingewiesen wurde. Die Dringlichkeit nicht kommuniziert wurde. Offenbar schl\u00fcpft man in ein aalglattes Kost\u00fcm einer unumst\u00f6\u00dflichen G\u00f6tterfigur. Vermittelt ein Gef\u00fchl brachialer \u00dcberlegenheit und K\u00e4lte. Zum Gl\u00fcck gibt es Augenzeugen in Form der Eltern und ihres Ehemannes. <\/p>\n\n\n\n<p>Die zu Tage tretende Unmenschlichkeit, Betroffenen derart gegen\u00fcber zu treten, best\u00e4rkt Carina darin, sich nicht einsch\u00fcchtern zu lassen. Weil die K\u00e4lte auch Taktik sein kann. Der Patientenanwalt stellt die vage Vermutung an, dass das Personal auch oft instruiert werden k\u00f6nnte, Fehler nicht zuzugeben. Weil dann nat\u00fcrlich Klagen ins Haus st\u00fcnden. Und es ist auch Gang und Gebe, dass man bei solchen Verfahren wenig Chancen hat. \u2013\u00a0So kommt es dann auch. Gerichtlich geht es nicht durch. Sie klagt im Folgenden privatrechtlich und der Irrsinn beginnt sich zu potenzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verhandlungen werden mitunter zur Tortur. Mitten im Trauerprozess jedes Detail wieder und wieder besprechen zu m\u00fcssen, ist zwar gut f\u00fcr die Verarbeitung, aber heftig. Und dabei w\u00fcnscht sich Carina nichts mehr, als einen Funken Einsicht: &#8220;Wenn ihr mir sagt, wenn wieder mal eine Frau mit starken Blutungen kommt, werden wir genauer sein oder besser beobachten, w\u00e4r das schon der Punkt gewesen, wo ich gesagt h\u00e4tte: Okay das passt.&#8221; <br><br>Trotz dieser Entt\u00e4uschung stellt sich eine Wende ein. Sie erinnert sich an die stundenlange Gerichtsverhandlung, wo sie zum ersten Mal Gef\u00fchle der \u00c4rztin und der Hebamme bemerkt. Als diese bei der Vernehmung weinen, \u00e4ndert sich etwas. Sie sp\u00fcrt zum ersten Mal, dass es diese Menschen doch ber\u00fchrt und es wird sichtbar, welchem Druck sie ausgesetzt sind. Dass es nicht spurlos an ihnen vorbeigeht, sondern es scheinbar das Berufsbild fordert, dass Kompetenzen unersch\u00fctterlich sind. Eine sch\u00fctzende Haltung dem Apparat gegen\u00fcber, wo jeder zugegebene Makel in Dissonanz zur Professionalit\u00e4t oder des projizierten Vertrauens gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung stehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Punkt h\u00e4tte es ein weiteres Gutachten gebraucht, um die Verhandlungen fortzusetzen und Carina beschlie\u00dft aufzuh\u00f6ren. Frieden zu schlie\u00dfen. Sie einigen sich auf einen Vergleich und es werden die Kosten f\u00fcr das Begr\u00e4bnis \u00fcbernommen. Das wars. \u2013&nbsp;Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack in einer ohnehin bet\u00e4ubenden Situation. Sehr h\u00e4tte sie sich eine andere Art von Konfliktmanagement gew\u00fcnscht. Und doch ist sie am Ende dankbar, die Menschlichkeit zwischen den Zeilen doch noch entdeckt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Ich glaube durchaus, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo das leider immer mehr wird. Und wo einfach viel nicht mehr m\u00f6glich ist \u2013 aus Angst vor diesen Schritten.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich bemerke den Appell in ihren Worten, der dem System die F\u00e4higkeit w\u00fcnscht, Fehlbarkeiten mit F\u00e4higkeiten zu vereinen. Um das Gleichgewicht zuzulassen, das ein symbiotisches Ganzes ben\u00f6tigt. Wenn dies gelinge, w\u00fcrde sich die Angst vor rechtlichen Schritten durchaus in ein gegenseitiges Entgegenkommen verwandeln k\u00f6nnen. Man w\u00fcrde mit Empathie statt Geradlinigkeit punkten. Wertsch\u00e4tzung \u00fcben, statt Maschine zu spielen. <br><br>Es besch\u00e4ftigt Carina nachhaltig, dass sie diesen Weg gegangen ist. Auch heute noch erlebt sie immer wieder Momente, wo sie speziell der \u00c4rztin und der Hebamme einen Brief schreiben und mitteilen m\u00f6chte, dass es ihr leid tut und dass es sie ber\u00fchrt hat, dass Gef\u00fchle da sind. Dass das auch an ihr nicht spurlos vorbei gegangen ist. Doch ihr Gerechtigkeitssinn hatte sie damals f\u00f6rmlich gezwungen, sich nicht kleinreden und unterbuttern zu lassen. Weil man f\u00fcr die Dinge k\u00e4mpfen muss, die einem wichtig sind. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Nat\u00fcrlich hat es auch Momente gegeben, wo das Gegen\u00fcber total nerv\u00f6s wird und nicht wei\u00df, wie es reagieren soll. Na dann rei\u00df ich mich halt auch zusammen und unterdr\u00fcckt das lieber, was da grad auftaucht. Aber wenn das jemand halten hat k\u00f6nnen, war das f\u00fcr mich sehr heilsam.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie erinnert sich an eine der vielen Situationen, die in der n\u00e4chsten Zeit schwierig sind. Vor allem weil Trauer in unserer Gesellschaft wenige Modelle besitzt und niemand wei\u00df, wie man damit umgeht. Ganz viele Leute ziehen sich von einem zur\u00fcck oder gehen aus dem Weg. Melden sich einfach nicht mehr. Auf meine Frage hin, glaubt sie, dass dies in der brasilianischen Kultur wohl noch viel st\u00e4rker verankern sein k\u00f6nnte, wo die dortige Mentalit\u00e4t eine recht sonnige und doch hohle Oberfl\u00e4che praktiziert. Eine Vermutung, weil wirklich gelebt hat sie dort nie und die Beziehung ist nach der sp\u00e4teren Geburt der zweiten Tochter Juliana recht schnell in die Br\u00fcche gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Carina hatte von Anfang an den Antrieb, das Tabu zu l\u00f6sen. Offen damit umzugehen. Konfrontation statt Flucht. Und da gab es absurde Momente, wie beim Ausf\u00fcllen eines amtlichen Formulars, wo stand: &#8220;Haben Sie Kinder?&#8221; \u2013&nbsp;Und es fordert einem viel ab, hier &#8220;Nein&#8221; anzukreuzen, um keine Falschmeldung zu machen. Und trotzdem f\u00fchlt es sich falsch an. &#8220;Das war ganz arg f\u00fcr mich, dieses Kreuzerl bei &#8216;Nein&#8217; zu machen, weil ich hab ein Kind. Es ist nicht bei mir und es ist verstorben. Aber ich hab ein Kind.&#8221;<br><br>Und nat\u00fcrlich durchl\u00e4uft man immense Tiefg\u00e4nge. Nicht selten stellt sie sich die Frage, ob sie noch weiterleben will. Sind doch der Schmerz und die Sehnsucht so gro\u00df. Neun Monate in der Vorfreude auf ein gemeinsames Leben zu verbringen, nur um dort anzugelangen, dass diese Realit\u00e4t urpl\u00f6tzlich nicht mehr vorhanden ist. An diesem Punkt beginne ich mir Sorgen um Carina zu machen. Aber sie relativiert gelassen und wei\u00df, dass sie heute ein fabelhaftes Netzwerk an Freunden und Familie hat und obendrein ihren Traumberuf aus\u00fcbt. Besonders Juliana ist ma\u00dfgeblich daran beteiligt, dass sie das Leben wieder genie\u00dfen gelernt hat. Dass sie die sch\u00f6nen Dinge wieder sehr gern sieht und das Leben sch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Ich denke mir einfach: Warum muss man Kinder davon fernhalten und sch\u00fctzen? Sie h\u00e4tten so einen gesunden Zugang zu dem Ganzen und man trainiert es ihnen irgendwie k\u00fcnstlich ab, was ich nicht gut finde.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Heute ist Janaina sehr pr\u00e4sent im Leben der zweik\u00f6pfigen Familie. In der Wohnung gibt es ein dezidiertes Regal mit Fotos, Geschenken und Erinnerungsst\u00fccken. Darunter auch ein dickes Album mit Bildern aus allen Stadien ihres Lebens. Vom Bauch bis zum Sternenfoto. Und es passiert nicht selten, dass Kinder zu Besuch sind, auf das Album aufmerksam werden und es gemeinsam durchbl\u00e4ttern. Es entspricht einer nat\u00fcrlichen Faszination und einer ehrlichen Unerschrockenheit. Stress kriegen meistens erst die Eltern, wenn sie bemerken, dass ihre Kinder ein Foto von einem Kind gesehen haben, das offensichtlich nicht gesund aussieht oder schon tot war.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext erinnert sich Carina an eine wichtige Episode in ihrer eigenen Kindheit. Sie hatte eine sehr enge Beziehung zu ihrem Gro\u00dfvater. Als sie sieben war, verstarb dieser und war vor der Bestattung noch zwei Tage zu Hause aufgebahrt. &#8220;Und wir haben ihn noch besucht und haben ihn noch angegriffen. Und er war nat\u00fcrlich kalt und man hat schon gemerkt, da ist einfach kein Leben mehr. Aber es war f\u00fcr mich schon nochmal so wichtig, das zu begreifen, das wirklich zu sehen und mich einfach so verabschieden zu k\u00f6nnen.&#8221;, h\u00e4lt sie fest und w\u00fcnscht sich einen ges\u00fcnderen Umgang mit dem Tod und toten Menschen. Dass es einfach sein darf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-1024x768.jpg\" alt=\"Nahaufnahme von &quot;Loslassen&quot; (c) Carina da Silva Sampaio\" class=\"wp-image-1200\" srcset=\"https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-720x540.jpg 720w, https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-580x435.jpg 580w, https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2-320x240.jpg 320w, https:\/\/remorauscher.at\/projekt-lina\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/11-Carina-2-2.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nahaufnahme von &#8220;Loslassen&#8221; (c) Carina da Silva Sampaio<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als werdende Kunsttherapeutin beschreitet sie konsequenterweise einen Pfad der Eigenreflexion und Besch\u00e4ftigung mit sich selbst. Sie kennt die heilende Wirkung von Kunst und benutzt sie bewusst. Ihre Abschlussarbeit steht unter dem Titel &#8220;Loslassen&#8221;, um den Abschied oder L\u00f6sungsprozess zu verarbeiten. Sie bedient sich dabei einer relativ unbekannten Maltechnik. Die PanArt mischt eigene Farben aus Kleister, Farbpigmenten und Wasser, welche Schicht f\u00fcr Schicht aufgetragen werden. Meist sehr gro\u00dffl\u00e4chig und oft mit Malerrollen. Je nach Intensit\u00e4t der aktuellen Ebene wird die Farbe auch mal \u00fcber die Leinwand gesch\u00fcttet.<\/p>\n\n\n\n<p>Carina sperrt sich tagelang im Atelier einer Freundin ein. Arbeitet Tag und Nacht. Braucht diesen Prozess. Ebene f\u00fcr Ebene wird aufgetragen, jeder Emotion Raum gegeben. Sei es Wut, Trauer, aber auch dem Gl\u00fcck. Jede Schicht besch\u00e4ftigt sich mit einem anderen Stadium der ganz pers\u00f6nlichen Geschichte. Beginnend beim Versuch schwanger zu werden, der vermeintlichen Unfruchtbarkeit ihres Mannes, \u00fcber die Bilder der imaginierten Familie, dem Gerichtsstreit oder dem Kollaps in der Krankenhauszeit. Bis sie die letzte Schicht mit reinem Wei\u00df abschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch gezieltes Kratzen und Ausl\u00f6sen vereinzelter Bereiche, werden die darunter liegenden Ebenen fragmentarisch wieder freigelegt. So kommt ein vielschichtiges Abbild einer durchwachsenen Zeit zum Vorschein, mit allen Narben und Bruchst\u00fccken. Zudem konstruiert Carina ein Geflecht aus Draht und beklebt es mit tausenden wei\u00dfen G\u00e4nsefedern, um die lose Leinwand und den entstanden Trichter von \u00fcberdimensionalen Fl\u00fcgeln tragen zu lassen. Den Fu\u00dfabdruck von Janaina paust sie mehrmals ab und stempelt eine Spur, die nach oben f\u00fchrt. Ein autotherapeutischer Akt von ungef\u00e4hr zwei mal sieben Metern. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"17e9e2ec-a4cb-4de8-98a7-2c6fc41a86c5\">Auch Janaina [\u0292\u0250\u02c8najn\u0250]. G\u00f6ttin des Meeres und der Mutterschaft. Auch Schutzpatronin der Seefahrer. Die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung ihres Namens stammt aus dem Yoruba <em>Y\u00e8y\u00e9 omo ej\u00e1 <\/em>und bedeutet \u201aMutter der Fische\u2018. Andere Namen sind Dandalunda und Pand\u00e1. Quelle: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Yem%E1%BB%8Dja\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Yem%E1%BB%8Dja<\/a> <a href=\"#17e9e2ec-a4cb-4de8-98a7-2c6fc41a86c5-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"3e45061f-3923-4c9a-a63f-5f7620c79a3d\">Eine Zeichnungsblutung tritt kurz vor der Geburt auf, ist schw\u00e4cher als eine normale Regelblutung und resultiert aus der Abl\u00f6sung des Schleimpfropfes im Geb\u00e4rmutterhalskanal. Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zeichnungsblutung\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zeichnungsblutung<\/a> <a href=\"#3e45061f-3923-4c9a-a63f-5f7620c79a3d-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<pre class=\"wp-block-code\"><code>Panart-Malerei:\nEine Technik, wo mehrere Farbschichten \u00fcbereinander gemalt werden, um es dem\/der BetrachterIn zu erm\u00f6glichen, die Vielschichtigkeit mit den Augen \u201ezu erf\u00fchlen\u201c. Quelle: <a href=\"https:\/\/www.madeinsalzburg.com\/pan-art-malerei\/\">https:\/\/www.madeinsalzburg.com\/pan-art-malerei\/<\/a><\/code><\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die afro-brasilianische G\u00f6ttin Yem\u1ecdja, mit ihren Urspr\u00fcngen in der westafrikanischen Yoruba Religion, gilt als Herrin des Wassers, der Mutterschaft und der Fruchtbarkeit. 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